Aus Liebe kam Ich
Leben wird rückblickend verstanden.
Und so wie dieser vier Jahre alte Text mich mein Leben bereits rückblickend verstehen ließ, so verstehe ich es heute erneut aus einer gewandelten Perspektive heraus.
Noch mehr aus der Sicht der Seele heraus.
Was, wenn sie, die ich bin, wenn sie wusste, dass ich damals auf gar keinen Fall mehr Mut hätte haben dürfen, denn um mein heutiges Leben zu leben, musste ich damals “im Verlies verbleiben”.
Nichts, aber auch gar nichts hätte es mir damals genützt, dies zu wissen.
Noch mehr Hohn und Schmerz und Verzweiflung hätte ein jeglicher Engel mir gebracht, der sich damals hingestellt hätte, um mir mitzuteilen:
“In vierzig Jahren wirst du eine Rolle ausfüllen dürfen, für die du dein heutiges Leiden brauchst. Du kamst aus Liebe, um zu leiden - und in einigen Jahrzehnten wirst du diesen Satz verstehen.”
Was wäre wenn, wir in dreißig Jahren über das heutige Geschehen im Außen auch so denken werden? Wieviel mehr Milde und Güte könnte in der Luft liegen, wären wir in einem jeden Moment im Frieden mit dem JETZT!?
Im Frieden und im Wandel gleichermaßen, denn ein JA zum Jetzt bedeutet für mich in keinster Weise Stillstand. Es geht Hand in Hand mit einem immerwährenden Wandel einher - zum höchsten Wohle aller.
Wer denkt nicht manchmal zurück und wünscht sich,
dass manches im Leben anders verlaufen wäre!?
Doch ist das wirklich wünschenswert?
Ich liebe meine Antwort auf diese Frage:
Wenn du ein Ereignis verändern könntest in deiner Vergangenheit,
wie wäre dann wohl dein Leben verlaufen?
… denn sie bringt einmal mehr Frieden in mein Heute.
Das Gefühl, dass alles seinen Sinn hat, es trägt durch einen jeden Tag.
Ich möchte kein Ereignis verändern. Ich möchte genau hier sein. Genau in diesem Leben, das meines ist. Das so sehr meines ist, das ich es um nichts hergeben möchte. Alles ist gut gelaufen. Alles ist so gelaufen, dass ich etwas daraus mitnehmen konnte.
Doch, es gab sie, die vielen Momente, in denen ich mir mehr Mut gewünscht hätte.
Im Wohnzimmer sitzend, mit dem Blick auf eine Telefonzelle, einige hundert Meter entfernt. Ach, wenn ich es doch schaffen könnte, nur bis dort hinunter, nur für den einen kleinen Anruf, den Anruf zum Jugendamt und den großen Hilfeschrei. „Holt mich hier raus.“
Was wäre gewesen, wenn ich mit 14 tatsächlich ausgezogen wäre?
Die Schule gewechselt hätte. Ohne Hund weiter gelebt hätte.
Ich wäre verloren gewesen. Ich hätte nicht die Kraft entwickelt, die ich heute habe. Die Kraft, die Veränderungen antreibt. Die ÜberLebenskraft. Das Verlies, es wäre noch nicht dunkel genug gewesen, um den unbedingten Willen zu spüren, es verlassen zu wollen.
Ich hätte angefangen zu trinken. Drogen zu nehmen. Ich wäre in andere Welten geflüchtet und hätte meine eigene noch mehr verloren. Immer schien sie mir verloren, doch ich hätte sie noch mehr verloren. Ich hätte es nicht überlebt. Das Verlies wäre noch nicht dunkel genug und der Widerstand noch nicht reif genug gewesen. Der Hilferuf wäre gehört worden, aber nur der im außen. Der innere, der wäre verhallt und mit mir gegangen.
Wenn ich ein Ereignis verändern würde in meiner Vergangenheit,
dann wäre ich jetzt tot.
Denn die Kraft, die mich am Leben hielt, sie nahm ihre Stärke aus all den unerwünschten Ereignissen. Aus den damals Unerwünschten. Die allesamt zu Erwünschten wurden.
Was für ein Segen dies doch ist. Sein Leben derart aufgeräumt zu haben, dass es nichts zu bedauern gibt. Dass es nichts zu bereuen gibt. Dass man sich keinen Moment anders wünscht, als er verlaufen ist.
Zu sehr hing ich gefühlte Ewigkeiten am seidenen Faden.
Doch es musste genau so sein. Diese unbändige Kraft aus dem Überleben am seidenen Faden ein Leben zu machen, Boden unter meinen Füssen zu spüren, mein Leben in die eigenen Hände zu nehmen, diese Kraft konnte nur aus einem Grund ihren Weg in die Welt finden.
Weil es sie vorher in Unmengen gab.
Die unerwünschten Ereignisse in meinem Leben.
Die schmerzhaften und die, die es nur in meiner Sehnsucht gab. Die ungeliebten und die leidvollen Momente, die verzweifelten und die tränenreichen, die depressiven, die ungesehenen und die erfolgreichen. Die pseudo-erfolgreichen Momente mitsamt ihrer Erinnerung an ihre innere Leere. An meine innere Leere.
An mein KreuzUnglücklich-Sein über so viele Jahre hinweg. Ich kann sie nicht ändern und ich will sie nicht ändern.
Kein einziges der Ereignisse in meiner Vergangenheit will ich ändern,
denn ohne sie wäre ich nicht mehr am Leben.
Ohne sie wäre ich nicht ich.
Ohne sie wäre ich nicht.
Ich war nicht, um heute zu sein.
Aus dem einen einzigen Grund,
weil alles geschah, wie es geschah.


